Die vertrauten Kirchengestalten verschwinden – Teil 1

Jan 19, 2017 |

Teil 1: Konfessionslosigkeit wächst rasant

  • Die Anteile der römisch-katholischen und der evangelisch-reformierten Kirche betragen noch knapp zwei Drittel der Bevölkerung.
  • Fast ein Viertel der Schweizer Bevölkerung ist konfessionslos.
  • Die Entwicklung der Religionslandschaft Schweiz zeigt den Wandel von einem traditionell bi-konfessionellen zu einem multireligiös-säkularen Land.
  • Die konfessionelle Durchmischung der Kantone nimmt weiter zu.

Grafik 1: Religions- und Konfessionszugehörigkeit der ständigen Wohnbevölkerung

Entwicklung der Wohnbevölkerung nach Religions- und Konfessionszugehörigkeit

Die religiöse Landschaft der Schweiz setzt sich im Jahr 2015 folgendermassen zusammen (vgl. Grafik 1): Die Anteile der beiden grossen Kirchen nehmen weiter ab und machen zusammen weniger als zwei Drittel der Bevölkerung aus. Knapp sechs Prozent gehören einer anderen christlichen Gemeinschaft an, etwas niedriger liegt noch der Anteil der Bevölkerung muslimischen Glaubens. Fast ein Viertel der Schweizer Bevölkerung ist konfessionslos.

Religiöse Vielfalt und zunehmende Konfessionslosigkeit in der Schweiz

Die Religionslandschaft der Schweiz hat sich in den letzten Jahrzehnten von einem traditionell bi-konfessionellen zu einem multireligiös-säkularen Land gewandelt. Mitverantwortlich für diesen Wandel sind verschiedene Entwicklungen: 1) Die aus der kulturellen Revolution in den 1960er Jahren hervorgegangene Individualisierung und die damit einhergehende freie Wahl des Individuums hinsichtlich seiner religiösen Zugehörigkeit, 2) die massive Zunahme an Konfessionslosen seit den 1960er Jahren und 3) die Immigration von Menschen aus christlichen und nicht-christlichen Religionsgemeinschaften und solchen ohne religiöse Zugehörigkeit.

Die stärkste Entwicklung zeigt sich in einer anhaltenden Zunahme von Konfessionslosen. Verglichen mit diesem bislang ungebremsten Säkularisierungstrend findet religiöse Pluralisierung nur in geringem Ausmass statt.

Die Zunahme der Konfessionslosigkeit lässt sich nicht nur durch Kirchenaustritte begründen, sondern auch dadurch, dass immer weniger Kinder getauft werden und der Anteil von Menschen ohne Religionszugehörigkeit bei Migrantinnen und Migranten aus den EU-EFTA-Staaten stark gestiegen ist.

Gehörten 1970 noch 95 % der Schweizer Bevölkerung der römisch-katholischen oder der evangelisch-reformierten Kirche an, so sind es im Jahr 2015 noch knapp zwei Drittel. Die Mitgliederverluste sind in der evangelisch-reformierten Kirche seit den 1950er Jahren feststellbar. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung hat sich zwischen 1950 (56.3 %) und 2015 (24.9 %) halbiert. Eine starke Abnahme ist v.a. zwischen 1980 und 2000 feststellbar: innerhalb von 20 Jahren ging ihr Anteil um 17.3 % zurück. Dass sich der Anteil der Katholiken an der Schweizer Bevölkerung stabiler halten konnte, verdankt die römisch-katholische Kirche der Migration: Ein Grossteil der Menschen, die in die Schweiz migrieren, ist katholischen Glaubens.

In der römisch-katholischen Kirche zeigen sich erst seit einigen Jahren ebenfalls Mitgliederverluste: ab den 1950er Jahren ist noch ein leichter Mitgliederzuwachs auf 46 % feststellbar und dieser Anteil hält sich bis in die 1990er Jahre. Seit den 1990er Jahren verzeichnet dann auch die römisch-katholische Kirche einen sinkenden Anteil an der Bevölkerung.

Die grosse Zunahme von Personen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, hat die Religionslandschaft der Schweiz in den letzten 20 Jahren stark geprägt und mitverändert. Allerdings lassen sich geografische Unterschiede ausmachen. Grafik 3 zeigt den Anteil der Konfessionslosen nach Kantonen. Den höchsten Anteil weisen die Kantone Basel-Stadt (46.2 %), Neuenburg (42.3 %) und Genf (38.9 %) auf. In diesen drei Kantonen macht der Anteil an Konfessionslosen bereits die grösste Konfessionsgruppe aus. Auch in den Kantonen Waadt, Solothurn, Basel-Land und Zürich sind sie überdurchschnittlich hoch vertreten. Für die gesamte Schweiz liegt der Anteil der Konfessionslosen bei 23.9 %. In den Kantonen Graubünden, Wallis, Obwalden, Jura, Uri und Appenzell Innerrhoden beträgt ihr Anteil weniger als 15 %.

Grafik 2: Langzeitentwicklung der ständigen Wohnbevölkerung

Grafik 3: Ständige Wohnbevölkerung ab 15 Jahren nach Religionszugehörigkeit und Kanton

Grafik 3 zeigt ausserdem die konfessionelle Durchmischung der Kantone. Die traditionell katholisch geprägten Kantone der Zentralschweiz und die Kantone Tessin, Appenzell Innerrhoden, Freiburg, Wallis und Jura weisen nach wie vor eine stark katholische Prägung auf. Eine klar reformierte Prägung kann nur noch der Kanton Bern aufweisen (52.1 %). Die Kantone Schaffhausen und Appenzell Ausserrhoden, beides Kantone mit einer ehemals stark reformierten Prägung, haben im Jahr 2015 immer noch den grössten Anteil an Reformierten (36.2 % respektive 40.1 %). Besonders niedrig ist der Anteil der Reformierten in der Westschweiz, wo sie inzwischen höchstens noch einen Fünftel der Bevölkerung ausmachen. Im einst calvinistisch geprägten Kanton Genf beträgt ihr Anteil weniger als 10 %.

Die religiöse Pluralisierung zeigt sich in einer leichten Zunahme sowohl der Anteile anderer christlicher Gemeinschaften als auch der muslimischen Glaubensgemeinschaften. Verhältnismässig hoch liegt der Anteil der anderen christlichen Gemeinschaften im Kanton Appenzell Ausserrhoden mit 8.0 %. Auch in den Kantonen Schaffhausen (7.2 %), Zürich (7.0 %) und Bern (6.8 %) liegt ihr Anteil über dem Schweizer Durchschnitt von 5.8 %. Hingegen weisen die Kantone Wallis, Obwalden und Nidwalden Anteile unter 3 % auf.

 

Mit 8.6 % liegt der Anteil der muslimischen Glaubensgemeinschaften im Kanton Basel-Stadt am höchsten. Auch die Kantone Schaffhausen (8.2 %), Glarus (7.7 %) und St. Gallen (7.3 %) liegen über dem Schweizer Durchschnitt von 5.1 %. Anteile unter 3 % haben die Kantone Tessin, Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden, Nidwalden, Obwalden, Graubünden, Jura und Uri.

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Judith Albisser

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

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